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George Grosz

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venue

Kunstsammlung Jena

dates
April 9, 2022

-

June 26, 2022
artist(s)

George

Grosz

text

George Grosz gehört zur Generation jener Künstler und Künstlerinnen, die zwei Weltkriege miterlebten und mit ihren Werken das Geschichtsbild des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägten. Der Dokumentation dieser bewegten Epoche stellt Grosz ein wagemutiges, geradezu radikal-entlarvendes Werk an die Seite, das heute zur Bildikonografie der Weimarer Republik gehört. Seine spitze Feder, Zeichnung und Groteske setzte der erklärten Kriegsgegner als scharfen Waffe ein.

Die Ausstellung präsentiert rund 150 Werke aus Grosz‘ wichtigsten Schaffensperioden, schwerpunktmäßig Arbeiten auf Papier aus den Berliner Jahren, aber auch Blätter aus seiner Zeit der Emigration in New York und Long Island. Hinzu kommen ausgewählte Positionen folgender und zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die eine vergleichbare Hinwendung zu gesellschaftspolitischen Themen suchen. Dabei bilden die selten gezeigten frühen Arbeiten von Andy Warhol in Zusammenhang mit dem Life-Magazin sicherlich das erstaunlichste Bindeglied. Zeitgenössische Werke von Birgit Brenner, Jonathan Meese, Julian Rosefeldt, Dash Snow und andere offenbaren spannende Parallelen bis in die Gegenwart. Einige Künstler wie Daniel Richter und Neal Fox benennen ihn als artist’s artist.

Grosz’ Ikonografie ist von der Verarbeitung des Ersten Weltkriegs, geprägt. Nach kurzem Einsatz vom Kriegsdienst befreit (der in Weimar ansässige Kunstmäzen Harry Graf Kessler konnte ihn 1917 vor der Erschießung als Desserteur bewahren) hält Grosz die Welt und den Menschen im Umbruch fest: Einstürzende Häuser, Militärs, Kriegsversehrte, Kapitalisten, Spießer und die schillernde Halbwelt. Er zeigt ein Panoptikum der vom Krieg Gezeichneten gepaart mit gesellschaftlichen Untiefen: Klassenkampf, Korruption, Gewalt sowie Vertreter der Obrigkeit, Justiz und Kirche werden sein großes Thema.

Grosz’ Werke geben Zeugnis von den Folgen des Krieges als auch seines eigenen Lebens als Migrant, der 1933 in die USA übersiedelte und so der Gestapo entkam. Fortan war er der Grundlage seiner künstlerischen Agitation beraubt und konnte nur aus der Ferne jedweden Faschismus an den Pranger stellen. Das Hinterfragen des Selbst und der Geschlechterrollen wird ihm vermehrt ein künstlerisches Anliegen – nicht jenseits der Politik, sondern als dessen Abbild.

Grosz’ mit satirischer Schärfe zugespitzten Arbeiten präsentieren neben Kritik und Groteske seine frühe Sehnsucht nach der neuen Welt. Schon 1916 hatte er seinen Namen von Georg Groß zu George Grosz anglisiert, um seine Antikriegshaltung zu demonstrieren und die patriotische Stimmung im Kaiserreich zu konterkarieren. Von der Lust am Rollenspiel zwischen amerikanischem Dandy und Bürgerschreck, zeugen zahlreiche Fotografien. Vom Misanthropen reifte Grosz in den 20er Jahren zum politischen, zeitweise dadaistischen Agitationskünstler, der in der Weimarer Republik, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, zum Moralisten wird und warnend den Zeigefinger hebt.

Mit fünf Gerichtsverfahren, u.a. wegen Amtsbeleidigung, Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Blätter, hatte der anarchische Künstler mit ausgeklügelte Strategie und Theatralik eine hohe Präsenz in den Medien erreicht. Die Vervielfältigungstechnik, die in den damals ihren ersten Höhepunkt erlebte, setzte Grosz, zeitgemäß modern ein und erreichte damit ein breites Publikum, das seine mittlerweile populären „Grosz-Typen“ gutierte. Mit der kostengünstigen Verbreitung im politsch orientierten Malik-Verlag leitete er so die Demokratisierung der Kunst ein. Eine Manifestation freier Meinungsäußerung erreichte er durch den Freispruch inmitten der 20er Jahre.

Weniger bekannt ist Grosz’ Wirken in der Neuen Welt, als er 1933 mit seiner Familie nach New York emigrierte, um dort an der Art Students League junge Künstler zu unterrichten, darunter angehende Größen wie Jackson Pollock und James Rosenquist. Hervorhebenswert ist die Begegnung mit Andrew Warhola, dessen Werk Grosz in einer Jurysitzung in Pittsburgh gegenüber anderen seine Zustimmung gab. Das war im Jahr 1949, in dem Andy Warhol nach New York übersiedelte und dort seinen Stil der Umrisslinie entwickelte; bezugnehmend auf Bildberichte aus der Zeitschrift ‚Life‘ legte er zudem den Grundstein für seine künstlerische Vervielfältigung. Eine Auswahl von Warhols frühen Arbeiten sind in zwei Räumen zu sehen.

Die Ausstellung in der Kunstsammlung Jena folgt der Annahme, dass politisch motivierte Kunst bis in unsere Zeit ein wirkungsvolles und adäquates Mittel der Auseinandersetzung ist. Angesichts der Wirkung von George Grosz liegt die Vermutung nahe, dass provokante und groteske Zuspitzung des Kunstschaffens die Anschaulichkeit deutlich erhöht und den Betrachter zum Hinschauen statt Wegsehen animiert.

Die Ausstellung ist von Annette Vogel (München) und Erik Stephan (Jena) gemeinsam kuratiert.

Es erscheint ein Katalog.

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